Autor Karlheinz Komm über sein Stück.Karlheinz Komm

Zum Thema „Luther“ erschienen in der Vergangenheit eine Menge Theaterstücke, Fernsehspiele und der Film. Die Zahl der Bücher zu der monolithischen Gestalt des Reformators ist unüberschaubar. Luther veränderte die Welt, er erneuerte die Kirche, er schuf den Deutschen als erster die einheitliche Schriftsprache, er baute ein allgemeines Schulwesen auf, er übersetzte die Bibel, er förderte die Kirchenmusik und sorgte, ohne es zu wollen, für beträchtliche Verwirrung, die schließlich zu Gewalt führte. Es ist leicht Luthers Werk grenzenlos zu bewundern. Aber es ist ebenso leicht, ihm Fehler und Verwirrung vorzuwerfen. Und so steht er in einer Reihe von vielen geschichtlichen Persönlichkeiten, die dadurch, dass sie sich zum Handeln aufgerufen fühlten, auch schuldig werden mussten. Der Held in der Tragödie muss deshalb untergehen, denn auch den ungewollt Schuldigen vernichtet das Schicksal.

In diesem Sinne ist Luther keine tragische Bühnengestalt. Er ist ein Mensch mit Kanten und Ecken, mit höchst sympathischen, aber auch gelegentlich bedenklichen Charakterzügen, von Gott gesegnet, aber auch von Gott oft allein gelassen. Doch es gab bei aller Schicksalhaftigkeit seines Lebens kein Scheitern, kein Untergehen, keine Vernichtung. Wenn man sich mit ihm auf dem Theater beschäftigen will, so wird man die Form eines Schauspiels wählen müssen. Das kann sogar bis zur Tragikomödie gehen. Aber niemals wird Luther zur Hauptfigur einer Tragödie werden können, denn dazu ist ihm zu vieles gelungen.

Wenn ich es trotzdem wage, noch ein weiteres Stück über den großen Reformator zu schreiben, so zunächst aus ganz einfachen Gründen:

1. Luther hat mich immer zur Beschäftigung mit ihm gereizt. Und da mein Medium das Theater ist , musste es eben in Form eines Theaterstücks sein.

2. Das Wissen über Martin Luther ist in den letzten Jahrzehnten immer bruchstückhafter geworden. Was wissen evangelische Jugendliche über ihn? Eigentlich nur, dass er die Bibel ins Deutsche übertragen hat. Ihnen will mein Stück eigentlich nur aus dem Leben eines bedeutenden Christen erzählen. Dabei sei es fern von mir, sie mit theologischen Einzelheiten zu langweilen.

Ach ja, die Langeweile, nicht zu vergebende Todsünde auf der Bühne. Gut, Luthers Leben weist – um es in heutigem Jargon zu sagen – eine ganze Menge action auf. Aber das, was uns an ihm wichtig ist, wird nur im Gespräch deutlich. So wird jedes ehrliche Luther-Stück ziemlich leise sein müssen. Man wird es aufs Wort stellen müssen., man wird mehr zu hören als zu sehen bekommen, man ist mehr zum Denken und Nach-Denken gezwungen als zu Reaktionen, die aus der Emotion kommen. Luther ist kein Jan Hus, kein Savonarola, kein Kopernikus, keine heilige Johanna, bei ihm gibt es keinen Ketzerprozess und keine Märtyrerkrone. Einem Luther-Stück fehlen also die Knalleffekte, um es einmal salopp auszudrücken. Hinzu kommt folgende Erschwernis: In unserer Zeit wird, hervorgerufen durch die Medien, das Visuelle so stark betont, dass viele Menschen das Hinhören, das Hineinhorchen verlernt haben. Um ihnen zu helfen, habe ich kaum längere Szenen geschrieben. Wie Schlaglichter, wie schnell aufeinander folgende Einzelbilder ziehen die Szenen am Zuschauer vorbei. Dabei habe ich mich durchaus einiger Formen bedient, die andere vor mir mit Erfolg praktiziert haben: so habe ich manches vom „epischen Theater“ Brechts gelernt und angewandt, so habe ich die filmische Kürze einzelner Szenen übernommen, die wir ja schon von Büchners Theaterstücken kennen.

Noch ein Luther-Stück? Ich habe das Gefühl, diese Frage nicht zufriedenstellend beantwortet zu haben. Versuchen wir es noch einmal: Ich wollte ein Stück über Luther schreiben. Und so hab ich’s eben geschrieben.

Karlheinz Komm

Bildergalerie

Besetzung:

Michael Lehner: Dr. Martin Luther
Jürgen Kolb: Richter
Alfred Wruck: Ankläger
Mona-Isabelle Peter: 1. Frau; Grete, eine Magd; Maitresse
Andreas Gebel: 1. Mann; Bauernführer
Jürgen Peter: Luthers Vater; Tetzel
Hilde Häßler: Luthers Mutter
Georg Küfner: ein Sterbender; von Berlepsch; 1. Fürst
Nicolas Valentin Peter: Spalatin; Kaiser Karl V.
Sven Larch: Staupitz; 2. Mann; Cajetan; 2. Fürst
Benedikt Lehmann: junger Bauer
Andrea Voigt: 2. Frau; Katharina v. Bora
Wolfgang Hottaß: ein Student

Musik: Johanna Larch/ Heiner Beyer

Kostüme: Wolfram Broeder

Technik: Michael Lehner/ Hilde Häßler

Regie: Jürgen Peter

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